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In doppelter Gefahr - Ein Kinderkrimi für 9 bis 12 jährige

Die Illustrationen wurden von Viertkläßlern der Hubäckerschule Hockenheim gezeichnet.

Demnächst als ebook in der Amazon kindle edition oder als signiertes Taschenbuch unter birgitboeckli@googlemail.com zu bestellen

 

Leseprobe

 

Kapitel 1

 

Die Beethovenallee war eine der ruhigsten Straßen des ganzen Viertels. Dennoch schien es niemanden  zu stören, dass sich schon seit über zwei Stunden ein Junge auf der Vordertreppe der Nummer siebzehn herumdrückte. Es war bereits Oktober, und die Sonne blinkte nur noch schwach hinter den geballten Wolken hindurch, während ein kühler Wind die ersten bunten Blätter von den Bäumen riss. Endlich bog ein grüner Audi in die Einfahrt ein. Der Fahrer sprang aus dem Wagen und eilte mit wenigen, langen Schritten auf den Jungen zu. Im Gesicht des Mannes vermischten sich Ärger und Erstaunen miteinander, wortlos schloss er die Haustüre auf und schob das frierende Kind vor sich her in das Halbdunkel der kleinen Diele.

Dieter Rudolf knipste das Licht an und packte seinen Neffen unsanft bei den Schultern.

„Kannst du mir vielleicht verraten, was das hier sein soll?“, fragte er, und seine rötlichen Haare, die er am Morgen mühsam glattgestrichen hatte, kringelten sich unfreundlich nach allen Seiten. „Haben deine Eltern jetzt endgültig den Verstand verloren?“

Manuel verspürte einen Kloß im Hals. Er mochte seinen Onkel, und er wollte ihm keine Umstände machen.

„Ich habe deiner Mutter ausdrücklich gesagt, dass ich im Moment keine Zeit habe, mich um dich zu kümmern“, erklärte ihm der Onkel jetzt ein wenig ruhiger. „Also ruf sie an und sag ihr, sie soll dich wieder abholen.“

 Manuel senkte beschämt den Kopf. „Das geht nicht“, sagte er. „Der Flieger ging um vier. Sie sind schon unterwegs nach Indien.“

„Also, das ist doch…“ Dieter Rudolf blieb der Mund offen stehen. Dass seine Schwester ihren Mann einfach auf eine solche Geschäftsreise begleitete und derweil ihren Sohn bei ihm ablud, machte ihn fassungslos. Manuel war zwar in den vergangenen Jahren mehrmals bei ähnlichen Gelegenheiten bei ihm untergekommen, aber bisher hatte er sich wenigstens vorher einverstanden erklärt.

Erst jetzt bemerkte er, dass der Junge nur mit Mühe die Tränen zurückhielt, und er hätte sich am liebsten selbst in den Hintern getreten. Wie musste sich Manuel vorkommen? Wie ein altes Möbelstück, das keiner mehr haben wollte. Was war er nur für ein Idiot, sich vor dem Kind so aufzuregen.

„Komm“, sagte Dieter Rudolf leise und nahm die prallgefüllte Sporttasche an sich, die noch immer mitten im Flur lag. „Jetzt stellen wir zuerst mal dein Bett auf.“

 

Eine knappe Stunde später saß Manuel in Bademantel und Hausschuhen der Größe 43 am Küchentisch und löffelte Gulaschsuppe.

„Warum hast du eigentlich so wenig Zeit?“, fragte er seinen Onkel, der gerade den Orangensaft aus dem Kühlschrank holte.

„Du weißt doch, was ich mache“, sagte Dieter und wischte kopfschüttelnd einen großen Saftfleck von der Arbeitsplatte. „Ich bin Polizist. Und im Moment haben wir es neben vielen anderen Dingen mit einem besonders dringenden Fall zu tun. Besonders dringend, weil es um ein Kind geht.“

„Die Schönblum – Tochter!“, brach es aus Manuel hervor. Er hatte die Meldungen im Fernsehen verfolgt. Die Tochter des Fabrikanten Max Schönblum, die achtjährige Viktoria, galt seit zwei Tagen als vermisst. Bisher gab es aber keinen Beweis dafür, dass es sich um eine Straftat handelte. Niemand hatte Lösegeld gefordert. Das Mädchen blieb einfach verschwunden. „Gibt es eine Sonderkommission?“

 Kommissar Rudolf war es endlich gelungen, den Saft abzuwischen, ohne dabei auch noch das Glas umzuwerfen. Bei der Polizei mochte er ein toller Hecht sein, im Haushalt waren seine Qualitäten eher begrenzt.

„Bisher noch nicht“, erklärte er nachdenklich. „Die Suchhunde konnten eine kurze Spur vom Kinderspielplatz aus verfolgen, aber die brach plötzlich ab, was dafür spricht…“

„…dass sie in ein Auto eingestiegen ist“, folgerte Manuel. „Hab ich recht?“

 Auf der Stirn seines Onkels erschien eine steile Falte; ein tiefes V, das Vorsicht bedeutete.

„Wieso erzähle ich dir das überhaupt? Es ist sowieso schon viel zu spät für dich. Iss deine Suppe auf und mach, dass du ins Bett kommst.“

„Und die Zähne?“, fragte Manuel erstaunt.

„Die putzt du morgen früh einfach doppelt! Und jetzt verschwinde.“ Dieter Rudolf strich seinem Neffen durch die dunkelblonden Locken und entfernte sich in Richtung Wohnzimmer.

 

Am nächsten Morgen musste es schnell gehen, denn Manuel hatte einen deutlich weiteren Schulweg vor sich, und sein Onkel musste dringend aufs Revier. In der einen Hand die Tasse mit Kaffee, in der anderen den Telefonhörer, lief er ungeduldig vor seinem Schreibtisch auf und ab, während der Junge das zweite Marmeladenbrot verdrückte. Als Dieter Rudolf endlich auflegte, sagte er:„Es tut mir leid, aber ich muss jetzt wirklich los. In der Pfanne da hinten sind Bratkartoffeln. Mach sie dir heute Mittag einfach warm, okay?“ Er griff nach seiner Jacke und war im Begriff, zur Tür zu gehen.

Während Manuel mit skeptischer Miene die schwarzbraune Masse betrachtete, die sein Mittagessen werden sollte, kam der Kommissar noch einmal zurück. „Oh ja, fast hätte ich‘s vergessen. Dein Freund Fabian hat ein Gipsbein“, sagte er und zupfte wie immer an seinen störrischen roten Haaren herum. „Sportunfall, glaube ich. Du kannst dich ja bei ihm melden.“

„Heiliger Bimbam!“, entfuhr es Manuel. Ein Gipsbein. Das klang interessant.

 

Der Schultag war Manuel besonders lang und ermüdend vorgekommen, und das lag vermutlich nicht an der Doppelstunde Mathe, sondern eher an der Aussicht auf einen einsamen Nachmittag. Er wusste, dass sein Onkel meist erst gegen Abend nach Hause kam. Er versuchte, die angekohlten Kartoffeln zu essen, aber sie waren wirklich ungenießbar. Nachdem er seine Hausaufgaben einigermaßen gründlich erledigt hatte, schlich Manuel etwa eine Stunde lang durch alle Zimmer, betrachtete eine Weile nachdenklich die Aquarienfische, die scheinbar ebenso gelangweilt ihre Bahnen zogen, blätterte mehrere Bücher aus der riesigen Schrankwand durch und blieb schließlich unschlüssig auf dem Sofa sitzen. Er ließ den Saum der Tischdecke durch die Finger gleiten, während er sich Gedanken über seinen Onkel machte. Onkel Dieter war in gewisser Beziehung noch immer ein Rätsel für ihn. Obwohl nie verheiratet gewesen, lebte er in einem Haus, in dem eine vierköpfige Familie Platz gefunden hätte. Er besaß hunderte von Büchern, hatte aber nicht die Zeit, sie jemals zu lesen. Vielleicht, überlegte er, brauchte sein Onkel den Platz tatsächlich für sein Hobby, das Sammeln. Immerhin waren alle Schränke und Kommoden mit irgendwelchem Krimskrams vollgestopft. Ob es das war, was die Erwachsenen meinten, wenn sie davon sprachen, sich einen Traum zu erfüllen? Nun, der Traum seiner Eltern bestand offensichtlich darin, ein Kind zu haben und von Zeit zu Zeit so zu tun, als hätten sie keines. Manuel spürte, wie seine Augen brannten. Er tat ihnen Unrecht, das wusste er. Mutti hatte seinen Vater begleiten müssen, weil es in dieser Exportgeschichte um das Kapital für ein ganzes Jahr ging und die indischen Auftraggeber erwarteten, dass die Ehefrau des Anbieters dabei war. Und er war ohnehin nicht begeistert von dem Gedanken gewesen, wieder zwei Wochen in einem dieser blöden Hotels allein verbringen zu müssen. Außerdem hatte Mutti Angst um ihn, seit er damals in Mexiko so krank gewesen war…

Manuel riss sich aus seinen Überlegungen. Es war bereits Viertel nach vier, und er langweilte sich zu Tode. Weshalb war er nicht längst aus dem Haus gegangen? Die Antwort hieß, er hatte Angst. Fabian Winter war einer der besten Freunde, die er sich überhaupt vorstellen konnte, und es machte irrsinnigen Spaß, mit ihm herumzuziehen, aber sie sahen sich eben nur dann, wenn Manuel bei seinem Onkel zu Besuch war, und deshalb war Fabi bei aller Vertrautheit auch jedesmal wieder ein Fremder für ihn.

Manuel schloss die Tür hinter sich ab und schlenderte die Straße ein Stück hinunter. Den Nieselregen nahm er kaum wahr. Fabis Eltern gehörte das gelbe Haus mit den verwilderten Efeuranken auf der linken Seite. Manuel betrachtete lange jedes kleine Detail, die niedrigen Rosenstöcke im Vorgarten, die hellen Gehplatten, die zur Haustür führten. Von der letzten war ein winziges Stück abgesplittert, als Fabi versucht hatte, darauf eine Kokosnuss mit der Axt zu zerteilen. Die altmodische Laterne neben dem Eingang, die bei Wind immer anfing zu flackern. Lauter Erinnerungen. Plötzlich fühlte er sich weniger fremd. Seine Angst verschwand einfach, und an ihre Stelle trat eine geradezu prickelnde Vorfreude.

 


Kapitel 2

 

„Ja, das ist ja eine Überraschung“, dröhnte Frau Winter mit ihrer vollen, tiefen Stimme, während sie ihn an den Schultern durch den Flur ins Wohnzimmer schob. Sie trug wie immer eine dieser fürchterlichen Blümchenschürzen, aus deren übergroßem Latz ihre kräftigen Arme wie zwei dicke, rote Würste links und rechts herausragten.

Fabi saß am Tisch, wenig begeistert über ein Schulbuch gebeugt, das Manuel bei näherer Betrachtung als Atlas erkannte.

„Sieh mal, wen ich dir mitgebracht habe“, präsentierte Fabis Mutter ihn wie einen seltenen Fund.

„Nee. Das hätte ich jetzt nicht erwartet.“ Fabi erhob sich steifbeinig, aber in seinen lustigen blauen Augen erkannte Manuel die alte Begeisterung. Unter anderen Umständen hätten sie jetzt vermutlich einen Freudentanz aufgeführt, aber unter dem Esstisch kam nun auch die Erklärung für Fabis langsame Bewegungen hervor. Der Gips war weiß, bereits an einigen Stellen gelblich verfärbt, und es hatten ungefähr zwanzig Leute darauf unterschrieben. Direkt über dem Knie hatte jemand eine Miniaturinsel mit Palme gezeichnet, das Markenzeichen von Fabis großer Schwester Yvonne. Frau Winter entschuldigte sich mit der Erklärung, die Kleine müsse gleich zurück sein „Ich habe versprochen, Diktat mit ihr zu üben.“

Manuel sah seinen Freund fragend an. „Wer ist denn die Kleine?“

„Meine Cousine Lea. Eine ausgesprochene Nervensäge. Sie ist schon seit vier Tagen zu Besuch, weil ihre Mutter im Krankenhaus liegt.“ Fabi verdrehte theatralisch die Augen.

Auf dem Tisch stand eine Schüssel mit selbstgebackenen Keksen, die Manuel daran erinnerten, dass er kein Mittagessen gehabt hatte. Sein sehnsüchtiger Blick fand recht bald Beachtung.

„Tu dir keinen Zwang an“, forderte Fabi ihn auf. „Mama hat ein ganzes Silo von den Dingern in der Küche angelegt.“

Nachdem Manuel so viele Kekse verdrückt hatte, dass ihm schon der Bauch wehtat, zeigte Fabian ihm seine neueste Errungenschaft, einen Ferrari mit Fernsteuerung.  

„Wenn es aufhört zu regnen, lassen wir ihn draußen fahren“, versprach er. „Meine Mutter will das nicht im Haus. - Was machen Deine Eltern eigentlich?“

„Sind in Indien“, erklärte Manuel leise. „Für zwei Wochen.“ Er hatte keine Lust, darüber zu reden.

„Und woran arbeitet dein Onkel gerade?“

Manuel wusste, dass Fabian sich brennend für Polizeiarbeit interessierte, aber im Moment wollte er viel lieber ein Stück auf die Felder hinaus gehen und nachsehen, ob es ihr altes Versteck noch gab, das sie vor zwei Jahren dort gebaut hatten.

„Keine Ahnung“, antwortete Fabi, als Manuel sich danach erkundigte. „Bin seit letztem Sommer nicht mehr da gewesen. Ohne dich kam es mir irgendwie falsch vor.“

Manuel verstand, was er meinte. Obwohl er mit seinen Eltern keine zwanzig Kilometer entfernt wohnte, unterhielten Fabian und er keinerlei regelmäßigen Kontakt. Fabi war sein Ferienfreund, und so sollte es bleiben.

Missmutig betrachtete er, wie draußen der Regen immer stärker über die Fensterscheiben strömte, während Fabian eine Illustrierte durchblätterte. Es dauerte eine Weile, bis er gefunden hatte, was er suchte.

„Hier. Bearbeitet dein Onkel den Fall? Es heißt, dass sie vielleicht doch noch eine Sonderkommission gründen wollen.“

Manuel schaute sich den Artikel genauer an. Gründer der Schönblum – Werke in Angst um seine Tochter lautete die Überschrift. Zwischen den einzelnen Abschnitten gab es mehrere Farbfotos. Manuel betrachtete die Familie, wie sie von einem Schiff herunter in die Kamera winkten, die Tochter Viktoria, die mit einer Stoffpuppe im Arm auf einer Wiese saß, dann ein Bild von zwei rundlichen kleinen Herren, die vor dem Eingang eines großen Gebäudes standen. Sie trugen die gleichen Anzüge, die gleichen Brillen und waren auch sonst nicht zu unterscheiden.

„Wer sind denn die Zwillinge?“, fragte Manuel und zog das Heft näher zu sich heran. Draußen fuhr jemand die Auffahrt zum Haus herauf, ein Motor wurde abgestellt.

„Laurenz und Ottmar Sibero“, las Fabian vor, ohne die Zeitschrift loszulassen. „Die beiden Cousins des Fabrikanten Schönblum betreiben ein kleines Sägewerk in Grünwald. Als sie vom Verschwinden der kleinen Viktoria hörten, reisten sie sofort an, um der Familie in dieser schweren Zeit beizustehen.“

„Aha“, machte Manuel nachdenklich. „Sag mal, wo ist denn das Bild aufgenommen worden? Das Haus kenn ich doch.“

„Der alte Pfalzgraf“, sagte Fabian. „Das große Hotel hinter dem Bahnhof. Steht auch im Artikel, dass sie im Moment da wohnen.“

Die Haustür flog auf, und für einen kurzen Moment wurde das Rauschen des Regens übermächtig, dann trat Yvonne Winter, Fabians Schwester, ins Zimmer, gefolgt von einem vielleicht achtjährigen Mädchen mit nassen, kastanienbraunen Zöpfen. Yvonne war offensichtlich schlecht gelaunt. Sie schüttelte ihre triefenden Haare wie ein nasser Hund und brüllte laut: „Was für ein Sauwetter!“, bevor sie in der Küche verschwand.