Homepage von Birgit Böckli


Auf tödlich gute Nachbarschaft - Ein Hockenheimkrimi

jetzt als Taschenbuch und als eBook erhältlich

Nach über vier Jahrzehnten trifft Emma Dorn ihre beste Freundin aus Kindertagen wieder. Eigentlich ein Grund zu feiern. Doch schon bald mischen sich erste Zweifel in die Wiedersehensfreude. Woher hat Friedel auf einmal so viel Geld, und was hat es mit ihren seltsamen Nachbarn auf sich? Als die Freundin tot aufgefunden wird, beschließt Emma, der Sache auf den Grund zu gehen.

 

Leseprobe

 

Erstes Kapitel

 

Mein Name ist Emma Dorn, ich bin 62 Jahre alt, und ich wohne seit meinem dritten Lebensjahr in Hockenheim. Glücklicherweise gehöre ich noch zu dem Kreis von Frauen, die von ihrer Witwenrente ein ganz vernünftiges Leben bestreiten können. Gut, meine Wohnung besteht nur aus zwei Zimmern, und ich besitze kein Auto. Das brauche ich aber auch nicht, denn meine Wege führen mich selten weiter als bis zum nächsten Supermarkt und natürlich einmal die Woche auf den Friedhof.

Ich gebe zu, ich bin keine von diesen Witwen, die sich dort täglich herumdrücken und die Grabgestaltung quasi zu ihrem Lebensinhalt gemacht haben, aber ich weiß, dass mein Peter das auch nicht von mir erwarten würde. Seit jenem Tag vor zwei Jahren, als der Teufel, von dem er sein Leben lang gesprochen hatte, ihn wirklich geholt hat, habe ich mich sehr zurück gezogen, was mir aber kein schlechtes Gewissen bereitet. Immerhin habe ich mich bemüht, Anschluss zu finden, aber für die Seniorengymnastik fühlte ich mich einfach, Sie wissen schon, nicht alt genug, und beim Kaffeekränzchen reden alle nur von ihren Krankheiten, und davon hab ich in den Jahren vor Peters Tod nun wirklich genug gesehen.

„Mach weiter“, hat mein Mann damals zu mir gesagt, als ich mal wieder hilflos an seinem Bett stand und den Blick nicht von seinem Gesicht losreißen konnte, das der Krebs längst ausgemergelt hatte wie bei einem Verhungernden. „Versprich mir, dass du weiter machst. Ich habe jede Menge Zeit da drüben.“

Und genau das tue ich nun. Ich mache weiter, jeden Tag, jede Woche, aber ich tue es auf meine Art. Ich brauche keine Reisen in den Süden, mir genügen ein paar Sonnenstrahlen auf meinem kleinen Balkon mit Blick auf die beiden Kirchtürme und sonntags ein Spaziergang am Kraichbach entlang bis zu der kleinen Holzbrücke kurz vor Reilingen. Den ganzen Sommer über führte ich ein wirklich beschauliches Leben. Eigentlich hatte ich gedacht, das würde so bleiben.


 

Zweites Kapitel

 

Der Anruf kam an einem Vormittag, und er erschreckte mich so, dass ich beinahe das Bügelbrett umgeworfen hätte. Irgendein Hornochse hatte im Fernsehen den Rat gegeben, ältere Menschen sollten ihr Telefon ruhig etwas lauter stellen, um die wichtigen Anrufe ihrer Kinder und Enkel ja nicht zu überhören, und wohlerzogen wie ich bin, hatte ich seinem Hinweis natürlich nachkommen müssen, obwohl ich weder Kinder noch Enkel habe. Nun ließ mich das heftige Klingeln so auffahren, dass ich mich in der Schnur des Bügeleisens verhedderte.

Leicht angesäuert wie ich war, schnitt ich dem freundlichen Nachrichtensprecher einfach das Wort ab und riss den Hörer ans Ohr.

„Emma, bist du es?“, fragte eine Stimme, die ich zuerst gar nicht zuordnen konnte. Es war die Stimme einer älteren Frau, und sie nannte mich beim Vornamen. Ich bekomme nun wirklich selten Anrufe, und wenn, dann meist von dynamischen jungen Leuten, die mich über meine Schlafgewohnheiten befragen wollen oder die neuesten Gewinnspiele anpreisen. „Hier ist Leni“, sagte die Stimme, und für einen Moment stockte mir wahrlich der Atem.

Helene Montag ist eine ehemalige Klassenkameradin. Im Grunde haben wir uns schon in der Volksschule nicht gut verstanden, sie war immer der Typ Schülerin, die den Lehrern die Tasche ins Klassenzimmer trug oder freiwillig ein Referat über die deutschen Mittelgebirge hielt, und ich war, nun ja, eher das Gegenteil. Aber seit wir beide älter geworden sind, scheint sie sich nicht mehr an unsere kleinen Differenzen zu erinnern, zumindest hat sie seit Jahrzehnten kein Wort mehr darüber verloren. Doch auch wenn sie mir damals die Pest an den Hals gewünscht hat, nachdem ich ihr auf der Studienfahrt nachts ihre hässlichen schwarzen Zöpfe abgeschnitten hatte (was übrigens nie bewiesen werden konnte), Fakt ist, dass Leni die einzige war, die außer meiner Nachbarin damals zu Peters Beerdigung auftauchte. Ich gab mir also Mühe, freundlich zu klingen, auch wenn ich aus zusammengekniffenen Augen beobachten konnte, wie meine frisch gebügelte Leinenbluse langsam vom Bügelbrett rutschte und mit einem Ärmel im Blumentopf landete. So fröhlich wie möglich erkundigte ich mich nach ihrem Befinden und hoffte inständig, sie würde nicht dieselbe Frage stellen wie die letzten beiden Male. Seit ich allein lebe, scheinen eine Menge Leute zu denken, sie müssten sich um mich kümmern. Da gibt es zum Beispiel den Pfarrer, der meinen Mann beerdigt hat und seitdem regelmäßig Einladungen zu irgendwelchen Selbsthilfegruppen ausspricht, oder die Frau von gegenüber, die seit Januar schon versucht, mich für ihr großes Hobby, das Powerwalken, zu begeistern. Und dann natürlich Leni.

„Du wolltest doch mal wieder vorbeikommen“, trompetete sie mit enttäuschtem Seufzen in den Hörer. „Wir treffen uns immer noch jeden Donnerstag im et cetera.“

Da war es wieder, dieses nervige Lidzucken, das mich seit Jahrzehnten begleitet und immer genau dann auftaucht, wenn mir etwas gründlich gegen den Strich geht.

„Ich weiß noch nicht“, erklärte ich und wickelte das Telefonkabel fest um mein Handgelenk. Manchmal hilft es, sich kurz das Blut abzustellen, wenn man auf die Schnelle eine Idee braucht, aber diesmal nützte es nichts. Ein roter Striemen, der sich in meine sommersprossige Haut grub, war das einzige, was ich damit erreichte.

„Oder hast du keine Lust?“ Ich konnte sie praktisch vor mir sehen, wie sie mich mit ihrem silbergrauen Röntgenblick durchforschte.

Ich drehte die Sprechmuschel ein Stück nach hinten, damit sie mich nicht atmen hörte. Die Wahrheit war, ich hatte natürlich keine Lust. Viermal hatte ich mich zu diesen dämlichen Treffen geschleppt, nur um mir eine Stunde lang anzuhören, was der Arzt über ihren Blutdruck gesagt hatte, oder etwas über Lenis neueste Urlaubspläne zu erfahren. Anfangs hatten noch Helga und Annemarie dazu gehört, aber die gute Annemarie war vor ein paar Wochen zu ihrer Tochter in den Norden gezogen, und Helga hatte sich seit August nicht mehr blicken lassen, ich vermutete, dass sie Streit mit Leni gehabt hatte, was mich nicht überrascht hätte. Leni war in der Tat nicht jedermanns Fall. Und jedes Mal schleppte sie diesen Paul mit, den sie vor etwa drei Jahren urplötzlich aus dem Hut gezaubert hatte. Seitdem waren die beiden ein Herz und eine Seele, und ich hatte mich oft gefragt, weshalb sie überhaupt Wert auf meine Gesellschaft legte. Im Grunde saßen sie ja nur zu zweit im Bistro und warteten auf Gesellschaft. Aber so direkt konnte ich ihr all das natürlich nicht sagen. Ich starrte also weiter auf meine am Boden liegende Bluse und wartete vergeblich auf die Erleuchtung.

„Vielleicht komme ich mal vorbei“, sagte ich wage und fügte ein kaum hörbares „Irgendwann nach Weihnachten“ hinzu.

„Friedel ist übrigens wieder da.“

Schlagartig erwachte ich aus meiner Starre. „Unsere Friedel?“

„Natürlich, wer denn sonst? Ist ein ganz armes Hinkel, soweit ich weiß. Ich hab sie auch eingeladen. Wäre doch schön, wo wir sowieso nur noch so wenige sind.“

Die Hand, mit der ich den Hörer hielt, begann ein wenig zu zittern. Friedel war die einzige aus unserer Klasse gewesen, an die ich wirklich oft zurückgedacht hatte. Es hatte einen dumpfen Schmerz in mir hinterlassen, als sie damals nach Norddeutschland gezogen war, und dieser Schmerz war nie vollständig verheilt. Niemals wieder war ich einem Menschen begegnet, der so einen Hunger nach Leben ausstrahlte wie meine Freundin Elfriede Auer.

„Ich werde mal schauen, ob ich es schaffe“, sagte ich zu Leni und verabschiedete mich eilig. Sie brauchte nicht zu wissen, wie sehr mich diese Neuigkeit verwirrte.

Die nächsten zehn Minuten verbrachte ich damit, das Hockenheimer Telefonbuch nach allen Einwohnern mit dem Namen Auer zu durchforsten, und das waren ziemlich viele. Aber eine Elfriede fand ich nicht darunter, was ja kein Wunder war, das Buch war mindestens zehn Jahre alt, und woher wollte ich überhaupt wissen, wie Friedel inzwischen mit Nachnamen hieß? Wir hatten uns über vierzig Jahre nicht gesehen, sie konnte seitdem dreimal verheiratet gewesen sein. Obwohl ich mir Friedel beim besten Willen nicht als Ehefrau vorstellen konnte.


Drittes Kapitel

 

Die nächsten beiden Tage vergingen wie im Traum. Natürlich hielt ich meinen üblichen Rhythmus ein, ich kaufte ein, machte vor dem Mittagessen meinen Spaziergang und verfolgte nachmittags die Fußballergebnisse im Fernsehen. Während meiner Ehe habe ich mich niemals für Fußball interessiert, aber in den letzten Monaten habe ich angefangen, mir die Spiele im Fernsehen anzuschauen. Zweimal habe ich mir sogar den Kicker gekauft. Halten Sie mich ruhig für wunderlich, aber ich fühle mich meinem Mann auf diese Art ein Stückchen näher, jedenfalls näher als an seinem Grab. Doch in dieser Woche fiel es mir schwer, mich auf irgendetwas zu konzentrieren. Immer wieder verlor ich mich in Erinnerungen an eine Zeit, in der ich das Haar noch lang getragen hatte und meiner Mutter in den Ferien beim Spargelstechen helfen musste. Es waren keine einfachen Jahre gewesen, aber in meiner Erinnerung trugen sie einen goldenen Schimmer, den ich nicht abwischen mochte. Und eines dieser glänzenden, hübschen Puzzleteile war Friedel gewesen.

Als der Mittag näher rückte, konnte ich meine Ungeduld nicht mehr länger unterdrücken. Es war Donnerstag, endlich, und ich schaute alle paar Minuten auf die Uhr, machte mir Bratkartoffeln und ließ sie beinahe anbrennen. Essen konnte ich ohnehin nichts. Um zehn vor vier stieg ich in der Kaiserstraße aus dem Stadtbus und ging mit klopfendem Herzen das kurze Stück am Wasser entlang. Der Kraichbach umspülte träge die kleine Insel, auf der sich ein paar Enten niedergelassen hatten. An diesem Tag kam mir der Weg bis zum Café kürzer vor als sonst, ich war vollkommen in Gedanken versunken. Die Menschen, die mir entgegenkamen, beachtete ich überhaupt nicht, ich verschwendete keinen Blick an die Auslage des Juweliers und auf Höhe des Gemüsegeschäftes konnte ich gerade noch einem Kinderwagen ausweichen und streifte einen Stand mit blauen und grünen Trauben, die bedenklich zu zittern begannen. Ich war aufgeregt und unzufrieden mit mir selbst. Schon vor Monaten hatte ich mir fest vorgenommen, nicht noch einmal zu einem dieser schnarch - langweiligen Treffen zu gehen. Und nun war ich doch wieder hergekommen.

 

Leni saß bereits auf dem unvermeidlichen Platz in der Ecke, den sie liebevoll unseren Stammtisch nannte, neben ihr Paule, dieser begriffsstutzige Mensch von der Statur eines Ochsen. Er stocherte in einem Salat herum, der ihm vermutlich von Leni verordnet worden war, während sie wie ein Vogel an ihrem Toast pickte. Nach einer kurzen Begrüßung setzte ich mich auf meinen alten Platz und bestellte mir einen Kaffee. Natürlich, wie hatte ich annehmen können, Friedel würde hier auftauchen. Sie hatte Leni zu Schulzeiten noch weniger leiden können als ich und das stets offen gezeigt. Aber Leni schien entschlossen, mit sich und der Welt in Frieden zu leben, komme, was da wolle. Vielleicht nicht die ungesündeste Art, sein Dasein zu fristen. Wieder einmal saßen wir also unsere Zeit ab, aßen schweigend oder redeten über das Wetter, unsere Krankheiten und den neuesten regionalen Klatsch. Ich fragte mich selbst, wie lange ich wohl würde bleiben müssen, um nicht als restlos unsensibel eingestuft zu werden, und ging in Gedanken das versäumte Fernsehprogramm durch, während Paule mich wie üblich aus wässrigen Augen anstarrte wie das achte Weltwunder. Wahrscheinlich konnte er überhaupt nichts dafür, trotzdem gelang es mir einfach nicht, mich mit dem Mann anzufreunden, er roch permanent nach rohen Zwiebeln, und wenn er lachte, klang es wie das Bellen eines asthmatischen Terriers. Leni saß daneben, spielte mit seinen großen, unförmigen Fingern und lächelte selig vor sich hin. Dennoch gab es Zeiten, in denen ich spüren konnte, wie das Alter mich milde stimmte, und manchmal lag ich abends im Bett und dachte darüber nach, wie froh ich gewesen war, nach den Jahren der Einsamkeit eine alte Klassenkameradin wiederzutreffen. In solchen Momenten war ich beinahe geneigt, Leni und ihren japsenden Gemahl in mein Nachtgebet mit einzuschließen.

Durch die hohen Fensterscheiben betrachtete ich, wie der kalte Oktoberwind an den Büschen zerrte. Draußen gingen die Menschen mit eingezogenen Köpfen vorbei, manche trugen Schirme in der Hand, und die neue Bedienung, eine kleine Schwarzhaarige, stand in der offenen Eingangstür und betrachtete die dunklen Wolken, die sich drohend am Himmel zusammenballten, bevor es endgültig anfangen würde zu regnen. Da das et cetera genau an einer Straßenecke liegt, reichte mein Blick sogar noch auf den kleinen Parkplatz, von dem gerade ein roter Opel Vectra rollte. Ganz in Gedanken versunken, hörte ich nur aus dem Unterbewusstsein heraus, dass Leni etwas gesagt hatte. Ich riss meinen Blick von dem mittlerweile davon fahrenden Wagen los und schaute zu meiner ehemaligen Klassenkameradin hinüber, die ihren tropfenden Kaffeelöffel reglos in der Hand hielt. Lenis rotgeschminkte Lippen öffneten sich zu einem verwunderten Ausdruck, dann zu einem Lächeln, das immer breiter wurde. Schließlich lachte sie laut auf, und das ganze, stets totenbleiche Gesicht erschien vor Aufregung um Jahre jünger. Paule neben ihr hob den Kopf und sah sich nachdenklich um, doch an ihm schien Lenis Offenbarung vorüber gegangen zu sein.

„Was ist denn?“, fragte ich, aber Leni beachtete mich überhaupt nicht mehr, genauso wenig wie die Tischdecke, auf der ich inzwischen vier Kaffeetropfen zählen konnte.

„Das glaub ich jetzt nicht!“, rief sie aus und fixierte einen Punkt über meiner linken Schulter. „Bist du es wirklich?“

Ich riss den Kopf so ruckartig herum, dass ein scharfer Schmerz meine Nackenmuskeln durchzuckte, aber ich vergaß ihn augenblicklich, als ich erblickte, wer dort hinter mir stand, eine lindgrüne Handtasche unter dem Arm und die Lippen wie zu einem Kuss gespitzt. Friedel, meine Friedel, an die ich in all den Jahren so oft hatte denken müssen. Ich hätte niemandem geglaubt, der mir erzählt hätte, man könne eine Frau nach fünfundvierzig Jahren sofort wiedererkennen, aber genauso war es. Natürlich hatte sie sich verändert, auch an einer Friedel Auer ging die Zeit schließlich nicht spurlos vorbei, aber ihr Lachen war dennoch dasselbe geblieben.

„Wie geht’s, wie steht’s?“, fragte sie mit ihrer rauen Stimme, die sich kaum anders anhörte als damals, als sie mir aus der zweiten Reihe kleine Zettel zugeworfen hatte, sobald die Lehrerin woanders hinschaute, eine Angewohnheit, die mich beinahe wahnsinnig gemacht hatte.

„Rutsch mal rüber“, sagte sie auch jetzt in ihrer groben, praktischen Art, die ich manchmal so an ihr bewundert hatte, und griff nach der Getränkekarte. Dann bestellte sie einen Kaffee, stark, schwarz und süß, und klinkte sich so selbstverständlich in unsere abendlichen Gespräche ein, als sei sie niemals fort gewesen.

In einer guten halben Stunde hatten wir unsere Geschichten erzählt, fast fünfzig Jahre aufgeblättert auf einem Caféhaustisch, und dennoch schienen sie nichts zu wiegen, diese Jahre, es sprach sich so leicht, und erst hinterher verspürte ich leise Gewissensbisse, wie ich nur in einem solchen Plauderton über all diese Dinge hatte sprechen können. Friedel nickte, lächelte und hörte andächtig zu. Ich konnte nicht anders, als sie die ganze Zeit über zu beobachten. Aus dem knochigen Mädchen mit den wehenden weißblonden Zöpfen war eine ältere Dame geworden, aber etwas in mir weigerte sich, die Veränderung anzuerkennen. Zwischen all den Runzeln strahlten mir noch immer ihre wasserblauen Augen entgegen, selbst das Haar, inzwischen kurz geschnitten und weiß wie frisch gefallener Schnee, kräuselte sich am Hinterkopf an den selben Stellen, wie ich es in Erinnerung hatte. Sie erzählte von ihrem Leben in Hamburg und ihrer Arbeit als Verkäuferin in einem großen Supermarkt, aber ich bekam nur die Hälfte mit, denn in Gedanken steckte ich noch immer in den fünfziger Jahren fest, als wir uns gemeinsam am Kraichbach herumgedrückt oder Äpfel von den Bäumen der Bauern geklaut hatten. Eigentlich war es immer Friedel gewesen, von der alles ausgegangen war, ohne ihre Freundschaft wäre ich vielleicht genauso eine langweilige graue Maus geworden wie Leni, die jetzt gerade mit einem zufriedenen Lächeln die Reste ihres Toasts in viele kleine Stückchen zersäbelte.

„Und dann bist du zurück nach Hockenheim gekommen“, sagte ich zu Friedel, die sich die Hände an ihrer Tasse wärmte. Ihre Nägel waren lang und mit kleinen Silberpailletten bedruckt. „Hamburg ist wunderschön“, erklärte sie kopfschüttelnd. „Aber eines Tages war es einfach nichts mehr für mich. Irgendwie hat es mich schon seit längerem nach Hause gezogen.“

Ich betrachtete ihre Turnschuhe, die enganliegenden schwarzen Hosen, sie sah beileibe nicht aus wie dreiundsechzig. „Bist du noch berufstätig?“

Wieder ein Kopfschütteln. „Im Moment bin ich noch auf der Suche, aber das wird schon.“

Das klang für meine Begriffe ziemlich optimistisch. Ich meine, welcher Chef würde noch eine Verkäuferin einstellen, die das Rentenalter schon beinahe erreicht hatte? Aber ich wagte nicht, ihre Worte zu kritisieren, das hatte ich nie getan.

Sie warf einen skeptischen Blick auf Paul und Leni, deren Finger ineinander verschränkt auf der Tischplatte zwischen den Tellern ruhten, und zuckte dann die Schultern. „Du kannst mich ja mal anrufen“, erklärte sie so leise, dass tatsächlich außer mir niemand am Tisch reagierte. Mit einem unauffälligen Klicken öffnete sie ihre Handtasche und holte einen Kugelschreiber heraus. Unter dem Tisch begann sie, ihre Telefonnummer und Adresse auf einen Zettel zu kritzeln, den sie mir anschließend unbemerkt zuschob, wie früher in der Schule, wenn ich in der Mathearbeit nicht weitergewusst hatte. Manchmal hatten Friedels Lösungsvorschläge die Sache nur schlimmer gemacht, weil sie selbst nicht gerade zu den Rechenkünstlern in unserer Klasse gehörte, aber das schmälerte niemals meine Dankbarkeit. Ich ließ die Karte in die Seitentasche meiner Jacke gleiten, und wir begannen leise zu kichern.

„Wo wohnst du denn jetzt?“, fragte Leni, ohne sich um unser unangebrachtes Gegacker zu kümmern.

Friedel hob die streng gezupften Brauen. Ihre Augen wurden rund, als müsse sie uns ein Geheimnis mitteilen. „In der Rathausstraße. Meine Mutter ist im Sommer gestorben, und der Vermieter hatte nichts dagegen, dass ich ihre Wohnung übernehme.“

Ich erinnerte mich noch deutlich an die kleine Frau mit dem kurzgeschnittenen dunklen Haar. „Und, wie ist es da?“, fragte ich nach.

„Nicht besonders.“ Friedel seufzte leise. „Ist aber sowieso nur für den Übergang, bis ich was anderes gefunden habe.“

Was anderes, diesen Ausdruck hatte Friedel praktisch gepachtet. Schon zu Schulzeiten war sie immer auf der Suche nach etwas anderem gewesen, ein anderer Mann, ein anderer Beruf, rastlos war sie gewesen und war es scheinbar bis heute.

„Ich muss weiter. War nett mit euch.“ Sie trank ihren Kaffee in einem Zug aus und erhob sich von ihrem Stuhl. „Vielleicht sehen wir uns mal.“ Der Hauch eines Lächelns lag auf ihren Lippen, dann war sie verschwunden, irgendwo dort draußen, wo die Menschen noch immer mit ihren Schirmen auf und ab gingen und ihre Einkaufstüten nach Hause trugen.

Ich wartete noch ein paar Minuten, bevor ich mich auch verabschiedete. Es fiel mir schwer, aber wenn ich warten wollte, bis Leni und ihr Angebeteter den Heimweg antraten, hätte ich gleich einen Schlafsack mitbringen können.

 

Der Wind draußen hatte zugelegt, und die Regentropfen fühlten sich an wie kleine, bösartige Schläge, die mich überall im Gesicht erwischten. Irgendeine gute Seele hatte die Straßenbeleuchtung bereits angeschaltet, und so watschelte ich in nassen Schuhen über die gelb erleuchtete Fortuna - Kreuzung in Richtung Rathaus. In weniger als sechs Wochen würde hier wieder der Hockenheimer Advent stattfinden. Auf dem Marktplatz würde ein imposanter Weihnachtsbaum stehen, und in den Vorgärten würden Rentiere und Lichterketten leuchten. Früher waren diese Wochen vor dem Weihnachtsfest eine ganz besondere Zeit gewesen, mit Hingabe hatte ich Springer gebacken und die Wohnung dekoriert, doch seit ich alleine dort lebte, leistete ich mir allenfalls einen kleinen Adventskranz und ein Tütchen mit Zimtsternen aus der Bäckerei. Weihnachten hatte seinen Glanz verloren, manchmal machte es mir direkt ein wenig Angst. Ich wollte nicht an Heiligabend alleine in meinem Wohnzimmer sitzen und mir rührselige Lieder anhören. Vielleicht sollte ich dankbar sein, dass es noch Leute gab, die Wert auf meine Gesellschaft legten, selbst wenn diese Leute laut schnaufend ihre schlechten Witze verbreiteten wie Lenis unerträglicher Gatte. Als ich meine klammen Finger in die Jackentasche steckte, fiel mir der Zettel wieder ein. Ich stellte mich unter das Vordach eines Ladens, klappte meinen Schirm zu und las Friedels Anschrift. Aus dem Inneren des bereits geschlossenen Geschäftes starrten mich ein paar Zierkürbisse an. Die Rathausstraße lag doch quasi auf meinem Heimweg, zumindest wenn ich den Weg über den neuen Messplatz nahm. Also ging ich los, wobei gehen ein bisschen übertrieben war, meine Zehen waren inzwischen vollständig steif gefroren, und ich war froh, dass ich überhaupt noch vorwärts kam.

Schnaufend und durchgefroren bis auf die Knochen kam ich vor einem breiten Mehrfamilienhaus zum Stehen, das einzige in dieser Gegend, der Rest der Straße bestand aus brav aneinander gelehnten Reihenhäuschen. Einen Vorgarten gab es nicht, dafür aber hingen hübsche kleine Blumenkästen vor den Fenstern im ersten Stock. Ich tastete mich weiter vor, in der Hoffnung, nicht von einem dieser hübschen Kästen erschlagen zu werden. Der Wind gab sich inzwischen alle Mühe, mich von den Füßen zu holen, und ich hatte nicht vor, mein Leben bei einem solchen Wetter inmitten verwelkter Astern auszuhauchen.

Ende der Leseprobe

 

Auf tödlich gute Nachbarschaft jetzt bei Amazon